Brandschutz: Beim Forum der Bürgermeisterkandidatin Alexandra Kleiné machte sich der Frust der ehrenamtlichen Helfer Luft
(Das Bürgerforum zum Thema Gefahrenabwehr war äußerst gut besucht. Die Feuerwehren zeigten massiv Präsenz)
Die Stimmung war explosiv, die Atmosphäre frostig. Bei dem gut besuchten Bürgerforum "Brandschutz und Gefahrenabwehr der Zukunft", zu dem die Bürgermeisterkandidatin der LWG/CDU, Alexandra Kleinè, ins Bürgerhaus eingeladen hatte, stand das Stimmungsbarometer auf Minus.
Wut und Empörung über die von der Stadt im Zusammenhang mit dem Aufnahmeantrag für den kommunalen Rettungsschirm ins Auge gefasste Zusammenlegung von Freiwilligen Feuerwehren bis 2020 und die damit verbundene Aufgabe mehrerer Standorte standen den Brandschützern ins Gesicht geschrieben. Enttäuschung und Frust über die "Kurzsichtigkeit" der politischen Vertreter machte sich Luft.
Alle Feuerwehren von Lindenfels und den Stadtteilen hatten Vertreter zu der Versammlung geschickt, die laut Kleinè dazu führen sollte, dass "man miteinander und nicht übereinander redet. Erst kommt die Analyse, dann die Entscheidung." Eine Entscheidung "von oben herab" lehnte Kleiné ab und plädierte stattdessen für mehr Transparenz.
"Hier wird mit Menschenleben gespielt, nur um ein paar Euro zu sparen".
In den Freiwilligen Feuerwehren von Lindenfels sind derzeit 147 Aktive - Frauen und Männer - engagiert.
In der Jugendfeuerwehr sind 52 Jugendliche Mitglied, 43 Kinder gehören den Bambini an. Stadtbrandinspektor Reinhard Fink sprach beim Bürgerforum von einer "guten Zusammenarbeit aller Feuerwehren".
Die Pro-Kopf-Verschuldung in Lindenfels beträgt 2500 Euro. "So kann es nicht weitergehen. Wir müssen an allen Ecken und Enden sparen", sagte Dr. Siegfried Schwarzmüller.
Die Stadt gibt jährlich 175 000 Euro für die Feuerwehren aus.
Ein Großteil der anfallenden Kosten, beispielsweise für die Uniformen, wird von den Feuerwehrvereinen selbst getragen. Bei Bau- oder Umbaumaßnahmen von Gerätehäusern reduzieren sich die Gesamtkosten regelmäßig durch Eigenhilfe der Feuerwehrleute erheblich.
Etliche Feuerwehren waren komplett und in Uniform angetreten. Unter den Besuchern des Bürgerforums waren einige Kommunalpolitiker, die versuchten, die Wogen zu glätten - auch indem sie eigene Fehler eingestanden und versicherten, dass noch keinerlei Entscheidung zu Einsparmaßnahmen bei den Feuerwehren gefallen sei.
Kreis lehnt Fusionen ab
Kreisbrandinspektor Wolfgang Müller machte zu Beginn der hitzigen Diskussion deutlich, dass ein "flächendeckender Brandschutz Aufgabe der Kommune ist". Und er erklärte, warum er ein Gegner der Zentralisierung der Feuerwehren ist: "Wer die Zusammenlegung will, macht den Brandschutz in Lindenfels kaputt. Die Feuerwehrmänner und -frauen fühlen sich außerdem nicht mehr ihrer Wehr zugehörig."
Harsche Kritik prasselte von den Brandschützern auf die Kommunalpolitiker nieder. Man fühle sich nicht ernst genommen, sei nicht angehört worden, und die Konsequenzen für einen umfassenden, schnellen Brandschutz in den Dörfern seien außer Acht gelassen worden. Auch die Auswirkungen auf die Gemeinschaft und das Vereinsleben in den Dörfern seien bei einer Aufgabe der örtlichen Feuerwehren fatal.
Mitglieder der Einsatzabteilungen und der Feuerwehrvereine erklärten in drastischen Worten, warum Zusammenlegungen in den nächsten 20 bis 25 Jahren kein Thema sein dürfen. "Solange eine Feuerwehr schlagkräftig ist und die Aktiven-Zahl konstant bleibt, sollte kein Feuerwehrhaus geschlossen werden", forderte der Kolmbacher Wehrführer Uwe Schreiber unter dem Applaus seiner Kameraden.
Der Verfechter einer dezentralen Lösung will "Bewährtes weiter verfolgen, solange die Lage nicht dramatisch ist". Schreiber gab zu bedenken, dass bei einer Zusammenlegung die Nachwuchsförderung in den abgehängten Standorten extrem schwierig bis unmöglich werde.
Der Vorsitzende der Feuerwehr Winterkasten, Matthias Hintz, sprach ebenfalls von derzeit "hochmotivierten Nachwuchskräften". Es sei keine Seltenheit, dass alle Familienmitglieder, vom Enkel bis zum Opa, bei der Feuerwehr seien, "weil sie eine Gemeinschaft haben".
Schnelle Hilfe nicht mehr möglich?
Eine voll berufstätige Feuerwehrfrau brach eine Lanze für die Stadtteil-Feuerwehren: "Mein Mann und meine Kinder sind dort Mitglied. Also bin ich auch beigetreten und habe meine Lehrgänge in meiner Freizeit absolviert." Sollte die Stadtteil-Wehr Opfer des Rettungsschirms werden, verblasse das Engagement für die Dorfgemeinschaft.
In Winkel ist die Freiwillige Feuerwehr der einzige örtliche Verein. Er veranstaltet Dorf- und Spielfeste, kümmert sich um das Kriegerdenkmal und die Brauchtumspflege. Der Schlierbacher Wehrführer Oliver Wolf sagte: "Je länger die politische Diskussion dauert, um so weniger Führungskräfte können wir gewinnen."
Immer wieder wurde der Zeitfaktor als Grund für die Beibehaltung der Standorte angeführt: "Je früher wir die Chance haben, einzugreifen, um so geringer ist der Schaden". Sonst "kann aus einem Gardinenbrand schnell ein Vollbrand werden".
Einige Kommunalpolitiker, unter ihnen LWG/CDU-Fraktionsvorsitzender Peter Stricker, Dr. Siegfried Schwarzmüller von den Grünen und Alexander Strohmenger (CDU) bestätigten, dass Einiges schief gelaufen ist. Strohmenger gestand ein, dass es "durch unklare Führungsverhältnisse zu Unruhe" gekommen sei und vieles, teils bewusst, "falsch angestoßen wurde". Noch sei aber keine Entscheidung gefällt.
Stricker machte den Beschluss seiner Fraktion publik, wonach Einsparmaßnahmen bei den Feuerwehren aus dem Antrag zur Aufnahme in den Rettungsschirm gestrichen werden sollen.
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Bergsträßer Anzeiger, Mittwoch, 14.11.2012)